Stefan Hentschel, auch bekannt als „der göttliche Zuhälter“, war eine der faszinierendsten und kontroversesten Figuren des Hamburger Kiezes. In den 1970er und 1980er Jahren erlangte Hentschel durch seine charismatische Art und seine physische Präsenz Berühmtheit und wurde so zu einer Kiez Legende. Er war nicht nur Zuhälter, sondern auch eine Persönlichkeit, die es verstand, im Milieu ohne den Schutz großer Banden Karriere zu machen. Sein Spitzname „göttlicher Zuhälter“ unterstrich sein Selbstbewusstsein und seinen Hang, sich als unantastbar zu inszenieren. Den Namen hatte er sich übrigens selbst gegeben. Auf dem Kiez hieß er auch „der Einäugige“ und „der Klatscher vom Kiez“.
- Die Anfänge und Aufstieg auf dem Kiez
- Hentschels Unabhängigkeit im Milieu
- Rückzug aus dem Milieu und tragisches Ende
- Ostermontag 1985: Der Mord an seinem Freund Waldemar Dammer
- Hentschels Vermächtnis: Der göttliche Zuhälter bleibt unvergessen
- Hentschels Vermächtnis: Der göttliche Zuhälter bleibt unvergessen
- Kultszene aus 'Der Boxprinz': Hentschel und die Ohrfeige auf St. Pauli
- Häufige Fragen zu Stefan Hentschel
- Erkunde St. Pauli durch die Augen von Stefan Hentschel
Das Wichtigste in Kürze
- Stefan Hentschel (1948–2006) war in den 1970er- und 1980er-Jahren Zuhälter und Bordellbetreiber auf St. Pauli. „Göttlicher Zuhälter“ nannte er sich selbst.
- Seine Boxkarriere bestand aus genau einem Profikampf: Am 21. September 1973 ging er in der Hamburger Ernst-Merck-Halle in der zweiten Runde k. o.
- Er schloss sich weder der GMBH noch der Nutella-Bande an, war aber mit dem Bordellier Waldemar „Waldi“ Dammer befreundet.
- Beim Mord an Dammer am Ostermontag 1985 soll nach einer Rekonstruktion der taz auch Hentschel ein Ziel gewesen sein. Ob der dabei getötete Ralf Kühne mit ihm verwechselt wurde, ist ungeklärt.
- Weltweit bekannt wurde er durch eine Ohrfeige auf der Großen Freiheit, gefilmt für den Dokumentarfilm „Der Boxprinz“ über den Boxer Norbert Grupe.
- Am 18. Dezember 2006 nahm er sich das Leben. Seine Urne liegt im Grab seiner Eltern auf dem Friedhof Ohlsdorf.
Stefan Hentschel auf einen Blick
| Name | Stefan Hentschel |
| Spitznamen | „göttlicher Zuhälter“ (selbst gewählt), „der Einäugige“, „Klatscher vom Kiez“ |
| Geboren | 30. September 1948 in Chemnitz, mit neun Jahren nach Hamburg |
| Gestorben | 18. Dezember 2006 in Hamburg |
| Auf dem Kiez | Zuhälter und Bordellbetreiber („Salon Mademoiselle“), ohne feste Bandenzugehörigkeit |
| Boxen | ein Profikampf im Schwergewicht, 21. September 1973, K.-o.-Niederlage in Runde 2 |
| Bekannt aus | „Der Boxprinz“ (Gerd Kroske, 2000), SPIEGEL-TV-Reihe „Die bösen Jungs vom Kiez“ |
| Grab | Friedhof Ohlsdorf, im Grab seiner Eltern |
Die Anfänge und Aufstieg auf dem Kiez
Hentschel wuchs bis zu seinem neunten Lebensjahr bei seinen Großeltern auf und kam dann nach Hamburg. Bekannt wurde er zuerst als Bodybuilder, und daraus sollte eine Boxkarriere werden. Am 21. September 1973 stand er in der Ernst-Merck-Halle zum ersten und einzigen Mal als Profi im Ring: ein Schwergewichtskampf über vier Runden gegen Erwin Josefa von den Niederländischen Antillen, im Vorprogramm einer internationalen Berufsbox-Veranstaltung vor über 3.000 Zuschauern. Angekündigt war Hentschel als K.-o.-König. Einen echten Kampf hatte er bis dahin noch nie bestritten. Das Hamburger Abendblatt nannte ihn am nächsten Tag den „Boxer aus der Retorte“. In der zweiten Runde lag er zum zweiten Mal am Boden, und das war das Ende. Sein Trainer „Kalli“ Hesse stöhnte: „Alles, was er bereits beherrscht hatte, vergaß er.“ Das „Märchen eines Schwergewichts-Kometen“, schrieb das Blatt, fand kein Happy End. Die Boxdatenbank BoxRec führt seine Profibilanz bis heute mit einem Kampf und einer Niederlage.
Im Milieu war er da allerdings längst angekommen: Zum Zuhälter machte er sich nach eigener Darstellung schon mit 20 Jahren, als er eine Prostituierte, in die er sich verliebt hatte, für sich anschaffen ließ. Er arbeitete unabhängig von den großen Organisationen, was ihn in der Szene zu einer einzigartigen Figur machte. Seine charismatische Art und seine physische Stärke ermöglichten es ihm, sich im harten Umfeld der Reeperbahn zu behaupten. Schnell erarbeitete er sich den Respekt der Prostituierten und seiner Rivalen.
Mehrfach entging er knapp dem Tod, sei es durch Messerattacken oder Schussverletzungen. Sein Ruf als gefährlicher Mann auf dem Kiez wurde durch seine zahlreichen körperlichen Auseinandersetzungen untermauert, doch er überlebte immer wieder Angriffe, die für andere tödlich geendet hätten. Bei einem dieser Angriffe, mit einem Weißbierglas, verlor er sein rechtes Auge. Daher kam der Name „der Einäugige“.
Hentschels Unabhängigkeit im Milieu
Anders als viele seiner Kollegen arbeitete Hentschel ohne den Schutz einer Bande. Diese Unabhängigkeit machte ihn sowohl bewundert als auch gefürchtet. Er hatte keine Zuhälterorganisation hinter sich, sondern agierte eigenständig. Weder dem Kartell GMBH noch der Nutella-Bande schloss er sich an. Ein ehemaliger verdeckter Ermittler sagte dazu später: „Das war hart – und er ging diesen Weg mit dem Charme eines ganz brutalen Schlägers.“ Diese Haltung brachte ihm Respekt ein, aber auch zahlreiche Feinde. Trotz der Konkurrenz, die in den 1980er Jahren auf dem Kiez herrschte, schaffte es Hentschel, sich zu behaupten und seine Position lange Zeit zu halten.
In seinen besten Jahren führte er das Bordell „Salon Mademoiselle“. Er selbst schwärmte später davon, dass zeitweise 27 Frauen gleichzeitig für ihn arbeiteten, und von seinem Porsche Carrera. Ganz allein war er trotzdem nicht: Mit Thomas Born, dem „Karate-Tommy“ der Nutella-Bande, war er mehr als 30 Jahre eng befreundet.
Während er auf der einen Seite als charismatischer Frauenverführer galt, zeigte er auf der anderen Seite keinerlei Zögern, Gewalt anzuwenden, wenn es nötig war. Dies machte ihn zu einer widersprüchlichen Figur, die sowohl bewundert als auch gefürchtet wurde.
Rückzug aus dem Milieu und tragisches Ende
In den 1990er Jahren begann Hentschel sich langsam aus dem Rotlichtmilieu zurückzuziehen. Er war mittlerweile durch mehrere Auseinandersetzungen schwer gezeichnet, sowohl körperlich als auch seelisch. 1994 beendete er offiziell seine Aktivitäten im Milieu. Er zog sich in das Privatleben zurück und kämpfte dabei mit den Geistern seiner Vergangenheit. Doch Hentschels Geschichte nahm ein tragisches Ende. Am 18. Dezember 2006 nahm er sich im Boxkeller der Kneipe „Zur Ritze“ das Leben.
Ostermontag 1985: Der Mord an seinem Freund Waldemar Dammer
Wie gefährlich diese Unabhängigkeit war, zeigt der 8. April 1985. In den Tagen vor Ostern eskalierte auf dem Kiez ein lange schwelender Streit um Einfluss auf dem Sex- und Kokainmarkt. So rekonstruierte es die taz 1987 vor dem Prozess. Auf der einen Seite stand die Gruppe um den Bordellier Waldemar „Waldi“ Dammer, Hentschels Freund. Auf der anderen standen, rund um den Hans-Albers-Platz, die Leute um Peter N., den Wiener Peter. Laut taz wären sie am liebsten zur Beerdigung von Dammer und Hentschel gegangen.
Am Ostermontag erschossen der Auftragskiller Werner Pinzner und ein Komplize Waldemar Dammer in dessen Haus in Schnelsen. Nach der Rekonstruktion der taz sollen die Täter dort auch Stefan Hentschel erwartet haben. Er war nicht da. Getötet wurde außerdem Dammers Wirtschafter Ralf Kühne. Ob die Täter Kühne für Hentschel hielten oder einen Zeugen beseitigen wollten, ist bis heute nicht geklärt. Nach der Tat soll die Gegenseite „Entwarnung“ gefeiert haben.
Hentschels Vermächtnis: Der göttliche Zuhälter bleibt unvergessen
In den 1990er Jahren begann Hentschel sich langsam aus dem Rotlichtmilieu zurückzuziehen. Er war mittlerweile durch mehrere Auseinandersetzungen schwer gezeichnet, sowohl körperlich als auch seelisch. 1994 beendete er offiziell seine Aktivitäten im Milieu. Er zog sich in das Privatleben zurück und kämpfte dabei mit den Geistern seiner Vergangenheit. Doch Hentschels Geschichte nahm ein tragisches Ende. Am 18. Dezember 2006 nahm sich Stefan Hentschel in Hamburg das Leben. Seine Urne wurde im Grab seiner Eltern auf dem Friedhof Ohlsdorf beigesetzt.
Wenn es dir selbst nicht gut geht: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.
Hentschels Vermächtnis: Der göttliche Zuhälter bleibt unvergessen
Stefan Hentschel bleibt eine der charismatischsten und widersprüchlichsten Figuren des Kiezes. Er war ein Mann, der sich als Einzelkämpfer durchgesetzt hat, unabhängig von den großen Banden, die das Milieu in den 1980er Jahren dominierten. Trotz seines brutalen Auftretens hatte er eine gewisse Aura, die ihn von anderen Zuhältern unterschied. Seine Geschichte zeigt die gefährliche, aber auch faszinierende Welt des Hamburger Rotlichtmilieus.
Von ihm bleibt auch ein Buch über die Sprache des Kiezes. Gemeinsam mit dem Sprachforscher Klaus Siewert brachte Hentschel 2003 „Hamburgs ‚Nachtjargon‘. Die Sprache auf dem Kiez in St. Pauli“ heraus, 228 Seiten mit einer CD. Die Deutsche Nationalbibliothek führt ihn als Mitautor.
Kultszene aus ‚Der Boxprinz‘: Hentschel und die Ohrfeige auf St. Pauli
Hentschel wurde international bekannt durch eine Szene aus dem Dokumentarfilm Der Boxprinz von Gerd Kroske, die im Internet Kultstatus erreichte. Während er auf der Großen Freiheit spaziert und von seinen Anfängen im Rotlichtmilieu erzählt, stört ein Mann die Dreharbeiten. Hentschel fordert ihn auf, weiterzugehen. Als der Mann nicht reagiert, ohrfeigt er ihn und schickt ihn weg. Kurz darauf setzt er das Gespräch gut gelaunt fort. Später erklärte Hentschel, dass die Szene durch wiederholte Störungen der Männergruppe unterbrochen wurde, zu der auch der Geohrfeigte gehörte.
Um Hentschel geht es in dem Film eigentlich gar nicht. „Der Boxprinz“ erzählt auf 100 Minuten das Leben des Boxers Norbert Grupe, der sich „Prinz Wilhelm von Homburg“ nannte. Kroske drehte ihn für die Berliner Realistfilm, koproduziert von WDR, SWR und SR. Beim Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon gewann der Film 2000 einen Preis, in die deutschen Kinos kam er am 24. Januar 2002.
Häufige Fragen zu Stefan Hentschel
Erkunde St. Pauli durch die Augen von Stefan Hentschel
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