1922 wurde die Heinrich- in „Herbertstraße“ umbenannt. Neben der Reeperbahn und der Großen Freiheit ist es St. Paulis wohl berühmteste Straße. »Schuld« daran sind eigentlich ein paar einfache Tore und Verbote.
- Prostitutionsverbot auf St. Pauli – eine Regel, viele Ausnahmen
- Das Zutrittsverbot für Frauen in der Herbertstraße
- Die älteste Regel der Straße: keine Zuhälter
- Wie die Herbertstraße Olivia Jones zu einem Club inspirierte
- Warum gerade diese Straße übrig blieb
- Herbertstraße – Aufarbeitung eines dunklen Kapitels
- Herbertstraße – so sieht's drinnen aus
- Häufige Fragen zur Herbertstraße
Das Wichtigste in Kürze
- Die Herbertstraße liegt auf St. Pauli zwischen Davidstraße und Gerhardstraße und ist rund 100 Meter lang – gemessen von Straßenmitte zu Straßenmitte.
- Das Zutrittsverbot für Frauen und Jugendliche unter 18 geht auf eine Vorlage der Hamburger Polizei vom 2. Oktober 1981 zurück. Vorher stand an den Toren nur, dass Frauen „unerwünscht“ sind.
- Prostitution ist auf St. Pauli auf öffentlichen Straßen und an von dort einsehbaren Orten seit dem 1. November 1980 verboten. Die Herbertstraße ist ausgenommen – und zwar ausdrücklich „innerhalb der an ihren Ausgängen errichteten Sperrtore“.
- Die Sichtschutz-Tore stammen aus dem Jahr 1933 und stehen unter Denkmalschutz. Das Ost-Tor an der Davidstraße wurde im November 2024 ersetzt und kommt ins Museum für Hamburgische Geschichte.
- Von vier Hamburger Straßen, in denen 1939 Prostituierte kaserniert waren, gibt es nur noch die Herbertstraße.
- Seit dem 9. August 2024 erinnert ein Gedenk-Bordstein vor dem Tor an die im Nationalsozialismus verfolgten Frauen.
Die Herbertstraße auf einen Blick
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Lage |
St. Pauli, Hamburg-Mitte, zwischen Davidstraße (Osten) und Gerhardstraße (Westen), wenige Schritte südlich der Reeperbahn |
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Länge |
rund 100 Meter (eigene Messung auf Basis der OpenStreetMap-Geometrie, September 2026) |
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Name |
bis Juli 1922 Heinrichstraße |
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Tore |
Sichtschutzanlagen von 1933, denkmalgeschützt; Ost-Tor 2024 erneuert, West-Tor bleibt als Denkmal |
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Zutritt |
Männer ab 18; Frauen und Jugendliche unter 18 nicht (Aufschrift „Polizei Hamburg“, seit 1981) |
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Rechtsstatus |
Ausnahme von der Hamburger Verordnung über das Verbot der Prostitution vom 21. Oktober 1980 |
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Wie viele Frauen? |
rund 250 Sexarbeitende nach Angaben des Berufsverbands BesD (2022); 1977 laut Polizei durchschnittlich 150 |

»Die Nazis haben die ersten weltberühmten Sichtblenden bauen lassen. Eigentlich wollten sie dahinter das sündige Laster verstecken. Ironie ist, dass sie dadurch die Menschen noch neugieriger und die Straße eigentlich erst weltberühmt gemacht haben.«, erzählt Olivia Jones.
Noch heute bieten in der Herbertstraße Sexarbeiterinnen ihre Dienste an. Viele präsentieren sich in Schaufenstern.
Frauen (und Jugendliche unter 18 Jahren) haben dort offiziell immer noch keinen Zutritt. Darüber informiert auch ein Schild an den Toren. Doch wie kam es dazu? Immerhin ist die Herbertstraße ja eine öffentliche Straße!
Unsere Tourguides rund um Olivia Jones und unsere Kult Kieztouren Historikerin Eva Decker sind der Sache für Euch auf den Grund gegangen.
Wir haben Erstaunliches zutage gefördert: Wusstet Ihr zum Beispiel, dass Prostitution auf St. Pauli eigentlich bis heute verboten ist und warum die Prostituierten immer zur gleichen Uhrzeit und nur auf einer Seite der Davidstraße »aufmarschieren«?
Unsere Kiez-Experten klären Euch auf.



In der »Verordnung über das Verbot der Prostitution« vom 21. Oktober 1980 (oben die Originaldokumente) wird St. Pauli mit Beschluss des Senats ab November 1980 zum Sperrbezirk erklärt. Das Verbot ist bis heute gültig. Genau genommen verbietet die Verordnung die Prostitution „auf öffentlichen Straßen, Wegen, Plätzen und Anlagen sowie an sonstigen Orten, die von dort aus eingesehen werden können“ – nicht jede Form der Sexarbeit im Stadtteil. Sie gilt neben St. Pauli auch für St. Georg, die Neustadt und Altona-Altstadt.
Und sie war nicht die erste: Sie löste am 1. November 1980 die „Verordnung über das Verbot der Gewerbsunzucht“ vom 12. Mai 1970 ab, in der die Ausnahme für die Herbertstraße schon wortgleich stand. Aber trotzdem ist St. Pauli ja immer noch irgendwie auch ein Rotlichtbezirk. Die Reeperbahn gilt nicht umsonst als »Geile Meile«. Wie passt das alles zusammen?
Prostitutionsverbot auf St. Pauli – eine Regel, viele Ausnahmen
Ganz einfach: Wie immer gilt auch in diesem Fall »keine Regel ohne Ausnahme«. Es gibt sogar mehrere Ausnahmen. Eine ist die Herbertstraße. Hier ist Prostitution generell erlaubt. Die Verordnung formuliert das sehr genau: Ausgenommen ist „die Herbertstraße innerhalb der an ihren Ausgängen errichteten Sperrtore“. Die Tore sind damit nicht nur Sichtschutz, sondern markieren im Wortlaut der Verordnung die Grenze der Ausnahme. Eine weitere gilt laut Beschluss von 1980
»… in dem Gebiet, das begrenzt wird durch die Straßen Davidstraße – Erichstraße – Silbersackstraße – Reeperbahn, nur für die Stunden von 6 bis 20 Uhr. Die Flächen der begrenzenden Straßen sind mit Ausnahme der Reeperbahn und der Ostseite der Davidstraße mit in das Gebiet eingeschlossen.«
Damit erklärt sich dann auch, warum auf dem Kiez das »bunte Treiben« immer um Punkt 20 Uhr beginnt und warum die »Mädels« in der Davidstraße immer nur auf der rechten Seite (von der Reeperbahn aus gesehen) aufmarschieren.
Das Zutrittsverbot für Frauen in der Herbertstraße
Aber wie kommt es jetzt, dass Frauen – mit Ausnahme der dort »arbeitenden Bevölkerung« – nicht in die Herbertstraße dürfen?
Schuld waren seinerzeit rücksichtslose Stadtführungsanbieter (im Gegensatz zu einigen Mitbewerbern nehmen unsere Guides nicht nur Rücksicht auf Anwohner, sondern auch aufs Milieu!) und zu »sensationshungrige« Gäste, was zum sog. »Zutrittsverbot für Frauen in der Herbertstraße« vom 2. Oktober 1981 geführt hat. Das Schreiben stammt aus der Rechtsabteilung der Hamburger Polizei (LPV 3) und begründet eine sogenannte Allgemeinverfügung – eine Verordnung im engeren Sinn ist es nicht. Darin heißt es:
»Nach Feststellungen der PRW 15 ist es in letzter Zeit sehr häufig zu Konfrontationen zwischen Prostituierten in der Herbertstraße und weiblichen Passantinnen gekommen. Die Zahl der weiblichen Besucher hat ständig zugenommen, auch ist es für zahlreiche Reiseunternehmen zur Gewohnheit geworden, ihre, aus männlichen und/oder weiblichen Personen bestehenden Reisegruppen massiert durch die Herbertstraße zu schicken.
Häufig haben die weiblichen Passantinnen die Prostituierten provoziert, was dann z.T. zu handgreiflichen Gegenreaktionen der Prostituierten geführt hat.
PD [Polizeidirekt.] Mitte ist der Auffassung, daß diese konkreten Gefährdungen von Passantinnen und Prostituierten nur durch ein gänzliches Zutrittsverbot für Frauen verhindert werden kann (bisher besteht an beiden Zugängen zur Herbertstraße nur die Aufschrift, das Frauen unerwünscht sind).
Gegen ein solches, auf § 3 SOG gestütztes Zutrittsverbot sind rechtliche Bedenken nicht erkennbar. Das Verbot ist rechtlich – wie Verkehrszeichen – als Verwaltungsakt im Wege der AIlgemeinverfügung anzusehen. Es soll an den beiden Zugangsschranken zur Herbertstraße durch Aufschrift angebracht werden und folgenden Wortlaut haben:
›Zutritt für Jugendliche unter 18 Jahren und Frauen verboten POLIZEI HAMBURG‹
Die Sache ist auf einer Besprechung mit der Leitstelle für die Gleichberechtigung der Frau abgestimmt. Die stellv. Leiterin der Leitstelle sah in dem Verbot keinerlei Diffamierung der Frau, sondern im Gegenteil, eine vernünftige Schutzmaßnahme für die Frauen beiderlei Gruppen.
Auch das Bezirksamt Mitte als Wegeaufsichtsbehörde, ist informiert.
Bezirksamtsleiter und Bezirksrechtsamt haben ebenfalls keine Bedenken geäußert.«
Zwei Details aus diesem Dokument erzählen fast überall anders: Vor 1981 war an den Toren kein Verbot angeschrieben, sondern nur, dass Frauen „unerwünscht“ sind. Und der offizielle Wortlaut lautet „Jugendliche unter 18 Jahren und Frauen“ – nicht „Männer unter 18“, wie oft zitiert wird.
Die älteste Regel der Straße: keine Zuhälter
Das Frauen-Verbot ist nicht die einzige Zutrittsregel. Seit einem Vergleich vor dem Oberverwaltungsgericht Hamburg vom 8. März 1955 durfte die Kriminalpolizei den Vermietern Auflagen machen: In den Häusern durfte nur weibliches Personal wirtschaften, und Männer, die der Zuhälterei verdächtigt wurden, durften die Herbertstraße nicht betreten. Eine gesetzliche Grundlage gab es dafür nicht, die Vermieter trugen die Regeln mit.
Die Wirkung ließ sich messen. Die Kriminalpolizei zählte 1974 in der Herbertstraße 54 und 1975 43 Delikte – im Eros-Center im selben Zeitraum 156 und 134. Die Forscher Jürgen Kahmann und Hubert Lanzerath führten das 1981 ausdrücklich auf die Wirtschafterinnen zurück, die oft direkten Kontakt zur Polizei hielten.
Wie die Herbertstraße Olivia Jones zu einem Club inspirierte
Dieses Zutrittsverbot für Frauen wurde zwar immer wieder hinterfragt, ist aber bis heute unverändert gültig. Juristisch ist es umstritten, weil die Herbertstraße ein öffentlicher Weg ist. Und es führte dazu, dass Olivia Jones – quasi als ausgleichende Gerechtigkeit – in der Großen Freiheit 2010 den Menstrip-Club »Olivias Wilde Jungs« eröffnete, zu dem nur Frauen Zutritt hatten. Die Wilden Jungs gibt es inzwischen nicht mehr: Der Menstrip ist heute Teil der Shows im Bunny Burlesque, schräg gegenüber.
Interessant, oder?!
Wer noch mehr Interessantes über St. Pauli und das Milieu erfahren möchte, dem legen wir unsere Rotlicht-Kieztouren ans Herz. Die spannendsten Infos aus der Geschichte St. Paulis arbeitet unsere KultKieztouren Historikerin Eva Decker mit ihren Führungen auf.
Übrigens: Wer gefahrlos einen Blick in die Herbertstraße wagen möchte, muss nur auf den Müllwagen warten, für den sich regelmäßig die Tore öffnen. Zum 100. Geburtstag der Herbertstraße am 2. Oktober 2022 standen die Tore ausnahmsweise von 10 bis 18 Uhr für alle offen – veranstaltet vom BID Reeperbahn+ und der IG St. Pauli, mit Führungen, Ausstellungen und einer Lesung der Domina Manuela Freitag. Außerdem öffneten an dem Tag ab 20 Uhr Olivias Wilde Jungs auch für Männer.
Warum gerade diese Straße übrig blieb
Bordelle gab es hier schon in den 1790er-Jahren, weil vor den Wallanlagen die strengen Hamburger Regeln nicht galten. Ab 1900 erhielten nur noch die Bordelle in der damaligen Heinrichstraße eine Konzession. 1921 hob die Bürgerschaft die staatlich organisierte Prostitution auf, Bordelle wurden geschlossen – die Umbenennung 1922 sollte aus der Heinrichstraße eine Wohnstraße machen. Das hat nicht funktioniert.
Bei Kriegsbeginn 1939 gab es in Hamburg noch vier Straßen mit Unterkünften für Prostituierte: die Herbertstraße, die Kleine Marienstraße, die Ulrikusstraße und den Kalkhof. Übrig ist nur die Herbertstraße. Den Namen hat sie übrigens von keiner Person: Die Straßen südlich der Reeperbahn wurden nach männlichen Vornamen in alphabetischer Reihenfolge benannt – von der Antonistraße bis zur Heinrichstraße.
Wie viele Frauen hier arbeiten, schwankt stark. 1966, kurz vor Eröffnung des Eros-Centers von Willi Bartels, waren es 210. 1981 gab es in 19 Häusern Zimmer für 235 Frauen, die Polizei zählte 1977 im Schnitt 150. Heute nennt der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen rund 250 Sexarbeitende.
Auch die großen Namen des Kiez sind mit dieser Straße verbunden. In den 1970er-Jahren steckten die jungen Zuhälter der Nutella-Bande um Klaus Barkowsky ihr Revier in der Herbertstraße und auf der Reeperbahn ab – gegen das alteingesessene Kartell GMBH. Mehr über diese Zeit erzählen unsere Hamburger Kiez-Legenden.
Herbertstraße – Aufarbeitung eines dunklen Kapitels
Viele halten die Sichtblenden der Herbertstraße für eine besondere Attraktion. Uns war es deshalb schon immer wichtig, im Rahmen unserer KultKieztouren auch auf die Schattenseiten hinzuweisen:
Die berühmten Tore sind ein Relikt der Nationalsozialisten, die dahinter das Laster und Elend verstecken und kasernieren wollten. Die tragischen Schicksale der Menschen, die hinter den Toren unter unmenschlichen Bedingungen lebten und arbeiteten, wollen auch wir wieder sichtbar machen.
Offiziell heißen die Tore „Sichtschutzanlagen“, sie stehen unter Denkmalschutz. Weil Wetter und jahrzehntelange Nutzung ihnen zugesetzt hatten, wurde das Ost-Tor an der Davidstraße am 4. November 2024 abgebaut und bis zum 8. November durch eine neue Anlage ersetzt. Das alte Tor kommt als stadthistorisches Zeugnis ins Museum für Hamburgische Geschichte. Das West-Tor an der Gerhardstraße bleibt als Denkmal vor Ort und soll später restauriert werden.
Deshalb unterstützen wir ein Projekt des von uns mitbegründeten Vereins „Lebendiges Kulturerbe St. Pauli“ und unserer KultKieztouren Historikerin Eva „Doc“ Decker:
Seit dem 9. August 2024 macht ein Gedenk-Bordstein vor dem Tor an der Davidstraße auf das dunkle Kapitel der Herbertstraße aufmerksam. Die Inschrift lautet: „Entrechtet – Ausgegrenzt – Ermordet. 1933 bis 1945. Im Gedenken an die Frauen der Herbertstraße und anderswo“. Die Initiative ging vom Verein Lebendiges Kulturerbe St. Pauli und der St. Pauli Kirche aus, ein QR-Code auf der Platte führt zu weiteren Informationen. Mit einem von uns unterstützten Crowdfunding wollen wir helfen, Herbertstraßen-Schicksale zu erforschen und so vor dem Vergessen zu bewahren.
Nicht alle haben die Verlegung begrüßt: Am Tag der Verlegung veröffentlichten die Sexarbeiterin Ruby Rebelde, die Historikerin Frauke Steinhäuser und das St. Pauli-Archiv e. V. einen offenen Brief. Sie begrüßten das Erinnern grundsätzlich, bemängelten aber, dass die Geschichte der Straße noch nicht ausreichend erforscht und heutige Sexarbeiterinnen nicht beteiligt worden seien. Wir finden: Genau diese Forschung ist der nächste Schritt.
Über das Projekt berichten wir auch im Rahmen ausgewählter KultKieztouren.
Herbertstraße – so sieht’s drinnen aus
Einen seltenen Einblick in die Herbertstraße sieht man auf diesem gemeinfreien Bild aus WikiCommons von Alexander Dreyer:

Wer die Straße aus der Sicht einer Frau kennenlernen will, die dort gearbeitet hat: Das ZDF zeigte im November 2025 die dreiteilige Dokuserie „Herbertstraße – Geschichte einer Domina“ über Manuela Freitag, die über drei Jahrzehnte in der Herbertstraße tätig war.
